h a u k e p r e u s s . d e   -   Geschichten   &   Horizonte

Das Ritual.

(eine Verrichtung von sich regelmäßig wiederholenden selbstverständlich völlig unnötigen ungewöhnlich verzweifelten eigenartigerweise doch einigermaßen unbeteiligt ausgeführten Handlungen)

Wer weiß, vielleicht hat der Typ neben mir gerade den Plot für den Mega-Bestseller, literaturnobelpreisverdächtigen Roman fertig im Kopf, nur ist er sich darüber eben noch nicht im klaren, und da ich es auch nicht mit Sicherheit sagen kann, werde ich wohl kaum jetzt aussteigen, zu ihm hingehen und ihn bitten, doch jetzt nach Hause zu fahren und mit seinem Lebenswerk zu beginnen. Nicht daß ich auf seinen Parkplatz scharf wäre, ich habe schließlich selber einen, und deswegen bin ja letztendlich auch nicht hier, die Veranlagung liegt in diesem Falle wieder einmal völlig anders, gewissermaßen ist es völlig belanglos, auf welchem Parkplatz ich bei eingehender Betrachtung stehe, denn immerhin wird die Aussicht auf den Fluß, auf den ich von diesem Standpunkt aus blicke, sich von zwei Metern flußabwärts nicht entscheidend verändern, zumal der Flußabschnitt, an dessen Ufer wir uns aufhalten, ziemlich gerade ist und durch einen Stellungswechsel wohl kaum eine Veränderung des Blickfeldes eintreten dürfte. Oder ob ich doch aussteigen sollte und ihn fragen, ob er möglicherweise eine wichtige Beobachtung machen konnte, die mir vielleicht entgangen war? Bei dieser Gelegenheit könnte ich ihn zweckmäßigerweise gleich auf seinen Roman ansprechen, vielleicht kann er mich dann als sein Entdecker an den Tantiemen beteiligen oder mir zumindest einmal ein Bier ausgeben. Auf der anderen Seite ist sein Auto älter als meines, und seine Frau, ich vermute es den gegebenen Umständen entsprechend einfach einmal, die mit leicht griesgrämiger Miene neben ihm sitzt, sieht so aus, als wenn sie sich auch mal wieder über ein neues Kleid freuen würde, ein buntes mit roten und gelben Blumen für den Sommer vielleicht, oder ein hellblaues mit weißen Streifen (oder ein weißes mit hellblauen Streifen). Seine Brillenfassung ist ebenfalls nicht mehr die neueste, dann könnte er sich von seinem wohlverdienten Geld endlich eine Designerfassung von Cartier oder ich weiß nicht wem noch kaufen, obwohl man bei Fielmann zum Nulltarif auch stilvolle Gestelle bekommen kann, und da wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch etwas für ihn mit dabei sein. Aber vielleicht möchte er lieber seine alte Brille behalten, er macht einen eher konser-vativen, bodenständigen Eindruck auf mich.

    Nein, ich glaube, ich begnüge mich mit meiner Sicht des Flusses, es ist immerhin eine recht umfangreiche, denn blicke ich flußabwärts, so erstreckt sich das Gewässer bis zum Horizont, ohne eine sichtbare, klar auszumachende Biegung zu beschreiben, und gen Ursprung lassen sich die Windungen auch auf eine, zugegebenermaßen der Gesamtlänge des Flusses nicht gerecht werdende, aber trotzdem einen gewissen Überblick verschaffenden Länge verfolgen, und das etwa 200 Meter gegenüberliegende Ufer ist mit seinen an der Uferpromenade aufgereihten Häusern und seiner an dem Gestade entlangführenden, für den Wochentag gut befahrenen Straße von hier aus gut auszumachen. Es ist wie so oft in den letzten Wochen, und wahrscheinlich besonders hier, windig, latent regnerisch, und der Himmel stellt sich dadurch wieder einmal als eine graue, geschlossene Wolkendecke dar, so als wenn er statt dessen blau wäre, man von einem schönen Tag mit traumhaften Wetter spräche, wenn man der landläufigen Ansicht folgte, daß dies die Attribute der klimatischen Idealvorstellung seien. Die Möwen scheinen etwas lustlos, wie sie ihrer artbedingten Gewohnheit folgend durch den nimmermüden Wind getrieben durch die wie von Zigarettenqualm getrübte Luft treiben, als hätten sie an diesem trostlos wirkenden Sonntag ebenso nichts besseres zu tun, als sich dem Schicksal ausgeliefert gleiten zu lassen, nicht wissend, warum oder von wem.

    Weshalb ich hier am Ufer von der anderen Seite als gewöhnlich gestrandet bin, ist eine Frage, die ich mir jedesmal stelle, wenn dieser Fall auf ein neues eintritt, und jedes Mal stehe ich vor der Hilflosigkeit der Unfähigkeit, sie zu beantworten und vor der dräuenden Sinnlosigkeit des drohenden Rituals kapitulierend. Möglicherweise läßt sich die rituelle Handlung verstandesgemäß erklären, doch diese Möglichkeit scheint bei näherer Betrachtung etwas zu weit hergeholt, zum einen ließe sich ihr die tiefgründige Sinnigkeit einer Phantomjagd bescheinigen, und zieht man die auf die uns allen natürlich am Herzen liegende Natur bezogen gesehene nutzlose Verschwendung kostbaren Treibstoffes als einen weiteren Hauptfaktor herbei, der relativ regelmäßig in die Gegend geblasen wird, wenn dem latenten Zwang dieser Handlung nachgegeben wird. Es handelt sich um in etwa 40 Kilometer, was bei meinem derzeitigen Verbrauch etwa drei Litern Superbenzin entspricht, welche für eine Aufenthaltsdauer von etwa dreißig Minuten verbrannt werden, und bei genauerer Betrachtung des Inhalts des Aufenthaltes wird diese Tatsache noch etwas schmerzhafter verdeutlicht, besteht er doch in nicht mehr als darin, diese durchschnittliche Zeit im Auto sitzend, bei angenehmeren Wetter sich auch einige Schritte nach draußen wagend, den Fluß, an dem ich mich jetzt auch erneut befinde, zu betrachten, sich gelegentlich umzuwenden, die so häufig regennasse Straße mit den Augen zu verfolgen, mit einer vagen, jedoch selbstverständlich völlig unbegründeten Hoffnung, das gewisse, eigentlich schon fast in Vergessenheit geratene, dennoch dieses Ritual ständig aufs Neue beschwörende Etwas in rötlichem tiefgründigen Schimmern am Horizont oder aus den Niederungen hervortreten zu sehen.

    Dann wieder den Blick der Zivilisation abgewandt und hin zum Fluß, in Gedanken hineinstürzend, der immerwährenden Strömung im Geiste folgend, eingeschlossen von Wasser, die Augen vom umgebenden Wasser geschlossen, die Ohren erfüllt vom Rauschen und Sprudeln und Murmeln des sich ewig wiederholenden Gesanges des Flusses, das Wiegenlied des Ertrinkenden, die hypnotische Beschwörung Poseidons, die den Seemann wie den Fischer seit Anbeginn der Zeit in seinen Bann zieht, ganze Zivilisationen fesselt und an sich kettet, abhängig macht, versklavt und ein Leben lang nicht mehr losläßt, kurz, die Sinne von der Realität hermetisch abschottet, völlig auf sich selbst gestellt, einsam, hilflos, den Naturgesetzen und -gewalten ausgesetzt, allein. Ein kurzes Auftauchen des Kopfes aus den Fluten, ein flüchtiger, verwässerter Blick auf die schweigend am Gestade verharrende Zivilisation wird dem bedauernswerten, von den Fluten getragenen, seiner Selbstbestimmung Enthobenen gewährt, dann muß er wieder mit dem Kopf hinuntertauchen, wieder umgibt ihn die Kälte, nur jetzt, nachdem er der flüchtigen Wärme des Lebens noch einmal angesich-tig geworden ist, trifft ihn seine Ohnmacht noch härter, er beginnt, sich noch einmal aufzubäumen, reckt das Haupt noch einmal aus dem Wasser, wendet es, versucht aller Eindrücke der Umwelt habhaft zu werden, die er erhaschen kann, ein letztes Mal sich Konturen, Formen, Farben einprägend, Erinnerungen an Laute, Worte, Gesten hervorrufend, sich noch einmal windend und doch schließlich dem unerbittlichen Sog nicht mehr widerstehend endgültig in die Fluten eintauchend und sich dem unvermeindlichen Schicksal fügend.

    Wird man ihn irgendwann, durch eine Laune des fließenden Wassers verursacht, vielleicht 100 Kilometer weiter im Schilf finden, der Körper aufgedunsen, die Augen weit aufgerissen, die Kleidung verwaschen, durchspült, wird man sich natürlich fragen müssen, welche Umstände den Tod herbeiführen konnten, war es ein Unfall, Selbstmord oder gar ein Mord, schließlich ist in dieser Welt keine Grausamkeit mehr auszuschließen, und man muß ja auch die Angehörigen verständigen, ein Arzt wird gerufen, die Polizei riegelt den Fundort ab, die Presse versucht verbissen, doch irgendwie an Fotos der Leiche zu gelangen, die Nachbarn zerreißen sich das Maul mit Spekulationen. Man wird nachforschen, und dann mit großer Wahrscheinlichkeit bald herausfinden, wer die nächsten Angehörigen sind, und ihnen, die sich schon Sorgen gemacht haben, weil er so lange fort ist, mitteilen, was ihm denn widerfahren ist, und dann behutsam nach möglichen Hintergründen fragen, wo er denn zuletzt gewesen sei, ob er denn vielleicht ein Tagebuch führe, wie denn die Adressen seiner engsten Freunde, denen er etwas hätte erzählen können, wären, ob er eine Freundin hätte, mit der er Probleme gehabt haben könnte, ob er vielleicht in nicht ganz legalen Kreisen verkehrt hätte, ob er mit Drogen zu tun hätte, ob er sich überhaupt in der letzten Zeit auffällig benommen hätte. Man wird dann dort auf, natürlich, Entsetzen stoßen, Unverständnis, Verzweiflung, aber auch auf Hilflosigkeit, denn der Junge war doch immer so fröhlich, locker, es ging ihm gut, er hatte keine Probleme, einen großen Freundeskreis, naja, eine Freundin hatte er glauben wir nicht, aber das konnte ja noch kommen, das begreifen wir einfach nicht, da muß doch irgend jemand seine Hand mit im Spiel gehabt haben, das geht doch nicht mit rechten Dingen zu, bitte tun sie doch ihr Bestes, wir können das Ganze gar nicht fassen.

    Noch einmal wende ich mich zu den Häusern um, beobachte das Licht, was hier und dort im Erdgeschoß oder im ersten Stock aufleuchtet, eine Weile oder auch länger wie ein zurückgekehrtes Irrlicht scheint, verharrt, erzählt, verschweigt und wieder erlischt. Ich stelle mir Fragen, die uneingeladen meinen Kopf bevölkern, nach diesem und vor allem jenen, was sich hinter den Lichtern schützend verbirgt, die Sicherheit elektrischen Stroms geschickt und routiniert ausnutzt. Ständig und unbeirrt vollzieht sich das Ritual auf ein Neues in einer undurchdringbaren Schleife. Immer wieder will ich den Ge-danken aus meinem Geist vertreiben, der mich dabei entlarvt, wie ich mir vorstelle, daß sie es ist, die dort hinter den halb zugezogenen Vorhängen ihren täglichen, nie besungenen Ritualen nachgeht. Jetzt führt sie die Tasse Tee an die Lippen, oder putzt sich mit einer leichten Erkältung geschlagen die Nase, dann näht sie mit filigranen Handbewegungen einen Knopf an die Bluse, durchstöbert die Fernsehillustrierte auf der Suche nach leichter Entspannung an einem Sonntagabend oder streicht mit einer unbewußt ungeduldigen Geste eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. Nein, dieses Haus kann es nicht sein, dort kann sie nicht wohnen, diese Wohnstätte schickt sich nicht für ein Wesen wie sie. Angestrengt schweifen meine willenlosen Blicke auf der Suche nach dem rötlichen, zauberhaften Schimmer, den das Ritual hervorrufen können soll, durch die Niederungen und Erhebungen der Umgebung, bis ich sie mit einer Anstrengung des Geistes zurückzwingen kann. Plötzlich und unvermittelt nehme ich das Leuchten wahr, wie es in einer meinen Augen unzugänglichen Ecke sanft hinauf in die trübe Abendluft steigt. Angestrengt suche ich seinen Ursprung zu ermitteln, den Verursacher zu entdecken. Und dann ist sie da, einfach so, ungefragt, ungesehen erscheint sie, steht vor mir, und ich bin völlig erfüllt von ihrer Anwesenheit, die Sprache bleibt mir unformuliert im Halse stecken, ohne Gelegenheit, zum Wort zu werden, meine Blicke werden vollständig auf sie fixiert, gebündelt, gefesselt. Meine Gedanken versuchen sich krampfhaft von ihr abzuwenden, um spielerisch um sie herumzukreisen, dem Leuchten als Rahmen zu dienen und bei Bedarf wieder zu ihr zurückzukehren. Das Denken sträubt sich weiterhin, zu Sprache zu werden, kein Laut verläßt meinen offen stehenden Mund. Ich kann immer nur in ihre Augen sehen, das grüne Funkeln, Sternen gleich, dem einzigen Leuchten in einer ohnmächtigen Dunkelheit, lediglich hin und wieder durchbrochen vom rötlichen Schimmer, den ich nur noch am Rande wahrnehmen kann. Ich betrachte fasziniert die Struktur, die Form, die Farbe ihrer Haare, ihren wundervollen Körper, die unbewußt durchdachte Wahl ihrer Kleidung, die Farbgebung, die über alles erhabene Schönheit und Klarheit ihres Auftretens und ihrer Gestalt. Alle Eindrücke, die ich eben noch der Natur entziehen konnte, versammeln sich auf einmal in ihr, werden durch ihre Erscheinung reflektiert und manifestiert, gehen in ihr auf wie in einem Regenbogen der Elemente, lassen die gesamte Umgebung für unfaßbare Augenblicke in ihr Schimmern, nun nicht mehr rötlich, sondern in unendlich vielen Farben schillernd, eintauchen, bald in Bodennähe, bald lediglich in ihrem Gesicht auszumachen, dann wieder den gesamten Himmel verhüllend und aufleuchten lassend zugleich. Meine Blicke, mein Geist, alle meine Handlungen suchen ihr zu folgen, ihren Zustand einzunehmen. auf ihre Ebene zu gelangen, in ihren Geist einzudringen, sich mit ihr zu vereinigen, sie zu werden. Doch je mehr ich dieses versuche, desto mehr kann ich mich nicht mehr der Realität erwehren, daß mein Unterfangen zum Mißlingen verurteilt ist, meine einzige vergleichbare Ebene die des Sehens ist, mein Zustand stets statisch sein muß und meine Farbe immer schwarz bleiben wird.

    Dann wende ich Blick und Gedanken wieder in Richtung des Flusses und folge ihm blind, taub, für unendliche Momente von der Realität abgeschnitten, blind allem gegenüber bis auf die Abwesenheit des Schmerzes, der mich in der Wahrheit erwartet, lasse meine Augen für Augenblicke mit dem strömenden Grau verschmelzen, meine Gedanken mit der Ewigkeit der Natur, lasse die Wirklichkeit an mir vorüberreisen, stehe im feuchten Wind und verfolge den schmierigen Gedankenstrom, der sich mit dem Fluß immer wieder in die Länge zu ziehen scheint, doch in Sekundenbruchteilen reißt der Strom trotzdem ab und ich stehe wieder auf dem Deich, umgeben von Realität, ausgeliefert der Imagination, schließlich langsam, Schritt für Schritt der Heimat, dem Auto, der Konzentration auf die reale Sache zustrebend, die Gedanken wie ein schwach wahrnehmbarer Duft sie umkreisend, nie genau bestimmbar, und dennoch, dem Weihrauch oder brennenden Wacholder folgend, der wahre Grund, warum ich überhaupt hier bin.

    Ich bin also bei meinem Auto angelangt, und als ich mit dem Schlüssel in der Hand davorstehe, fällt mir wahrscheinlich das erste Mal bewußt diese Farbe auf... die Farbe ihrer Haare... und ich frage mich, ob das nicht der einfache Grund ist, warum ich überhaupt hier bin.



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