Anrufbeantworter.
I
Ich habe geträumt, daß wir uns an den Tischen vor dem Abaton getroffen hätten. Da mir erst einmal nicht einfiel,
was ich hätte sagen können, ging ich hinein, um Getränke zu holen, ein Rommeldeus
für mich (wobei es unerheblich ist, ob das im Abaton überhaupt ausgeschenkt
wird), und für sie ein Bitter Lemon (glaube ich). Doch als ich drinnen am Tresen
stand, bin ich aufgewacht.
Doch dann kommt sie wirklich, aus Taktik natürlich eine Stunde zu spät, aber
sie erscheint, und ein rötliches Leuchten erfüllt wie immer den Raum. Was soll
ich sagen? Sie ist da, und wir reden miteinander, und er Tag nimmt seinen unvermeidlichen
Verlauf. Alles, was ich mir vorher möglicherweise eingebildet habe, wird zu
meiner Realität. Wir machen alles, womit man sich die Zeit vertreiben kann,
was man zu zweit unternehmen kann, und am Ende bekomme ich dann doch einen Kuß
von ihr.
Und ich wende mich ab, lasse die Front des Zuges an mir vorbeigleiten, und weiß.
II
So kann es also aussehen, wenn man
versucht, Kühe in Halbtrauer zu beschreiben. Von hier betrachtet nichts als
ein grüner Horizont lieblich gesprenkelt unzählbar ornamentiert und also mit
Zitaten und Erinnerungen übersät. Links lichtes Unterholzgestrüpp, leicht braun
also, und rechts der Weg von irgendwo nach ebenso.
War mir nicht gestern so, als würde es mich nicht weiter kümmern? Komisch, wie
sich manche Gefühle und Gedanken über und durch eine nicht ganz bewußt verbrachte
Nacht hindurchtransferieren. There's got to be an end to it, some way. Endlos
erscheint trotzdem der grüne Acker, der sich vor meinen müden Augen ausbreitet,
wo ich doch gerade versuche, das Gegenteil zu erreichen, was allerdings nicht
gleichbedeutend mit dem Wunsch dazu ist. Ein leichtes Erbeben der Grundlage
bewirkt ein Zittern der Stützen und legt die Auslegung nahe, daß dort mehr Unsicherheit
vorhanden ist, als durch eine unbedachte Äußerung hervorgerufene Unstimmigkeit
ausgelöst werden kann. Unendlichkeit in irgendeiner Form ist dennoch nicht das
was ich meine, auch wenn es mir einstmals so erscheinen mochte, vielleicht sogar
wollte, und von hier aus gesehen noch immer scheint, doch das Bewußtsein denkt
weiter, und niemand, selbst ich, braucht sich da noch etwas vorzumachen, vorbei
ist vorbei, ob man es tut oder läßt. Auf gleiches folgt gleiches, so wie hier
auf grün doch grün folgt, auch ohne Kühe. Schön wäre es tatsächlich, den Erfahrungshorizont
höher zu setzen, weiter als von hier bis grün, von dort bis Busen, von mir bis
zu ihr. Steht man dann doch einmal dazu, leuchtet es sofort wieder rot im Hintergrund
und Hinterkopf auf, hin zu der Stelle, wo alles beginnt und die Phantasie so
oft gleich wieder endet. Nichtsdestotrotz werde ich mich dafür nicht ein weiteres
Mal entschuldigen, bei niemanden, mag das jemand erwarten oder nicht, und wenn
ist es mir immer noch egal.
Gedanken vor dem nächsten Schritt: kurz lang hoch flach weit tief? Das Unwegsame
unerschrocken überwinden oder einfach freundschaftlich nicht virtuell sondern
wirklich? Essen gehen? Das war jetzt geklaut, ich gebe es ja zu, aber das macht
es wohl kaum schlechter. Aber im Plagiatismus, welcher nebenbei bemerkt ein
hervorragendes Beispiel für die Quantentheorie ist, blüht mancher förmlich auf
wie eine Wüstenblume nach überraschendem, lange herbeigesehnten Regenguß.
Trübe, tiefhängende, bizarr verformte graumelierte leicht zum schwarzen hintendierende
Regenwolken kräuseln sich über zum farblosen tendierenden Waldrändern. Doch
noch läßt der Regen auf sich warten, auch wenn er sich mit Sicherheit im Laufe
des Tages noch einstellen wird, verläßlich wie die Tagesschau um 20.00 Uhr,
oder Guinness in Dublin, und ich sitze hier wie bestellt und nicht abgeholt.
Soll ich am Mittwoch hinfahren, auf einen Regenschauer warten, der doch nicht
kommt? Und falls er wider erwarten kommen sollte, ist er so schnell vorüber,
daß man keine Möglichkeit hat Schutz zu suchen, und am Ende steht man da wie
ein begossener Pudel, bis auf die Haut durchnäßt, die Haare ins Gesicht geklatscht,
das Wasser tropft von den Ärmeln auf den Boden. Dann verharrt man reglos und
überlegt, wie man am besten die Kleidung wieder trocken bekommt, beziehungsweise
wie man die Gedanken wieder in geordnete Bahnen leitet, ohne daß sie ständig
nur um ein Thema kreisen, um ein was wäre wenn. Was hätte ich anderes sagen
können, was tun, wie reagieren, um mich in einem anderen, besseren Licht zu
zeigen, sie von dem Unmöglichen zu überzeugen, daß doch etwas möglich wäre,
wenn sie nur wollte, wenn wir nur beide daran glauben würden. Die Sitzfläche
der Bank, auf der ich mich niedergelassen habe, ist aus rotem Plastik. Hätten
die nicht eine gelbe oder blaue hier hinstellen können? Die hätte genauso wenig
in die Landschaft gepaßt, aber immerhin keine Verbindung zu ihr, besser gesagt
zu ihrer Haarfarbe gehabt. Es ist schwierig, blonde oder brünette Banken an
Feldwegen oder auch in Parkanlagen zu finden, obwohl es doch so viel mehr blonde
oder brünette oder schwarzhaarige Menschen gibt als rothaarige. Vielleicht liegt
es daran, daß Menschen Kontrast lieben; oder auch einfach, daß man sich darüber
bislang noch keine Gedanken gemacht hat und die Industrie nur eine begrenzte
Auswahl an Farben anbietet.
Ich werde mich wohl nicht beherrschen können, werde mich am Mittwoch in die
S-Bahn setzen und dorthin fahren, und warten. Wobei es eigentlich keine große
Rolle spielt, ob sie wirklich kommt oder nicht. Wenn sie kommt, dann zerbreche
ich mir den Kopf darüber, was sie gesagt hat, wie sie auf mein Gerede reagiert
hat, wie sie mich möglicherweise eingeschätzt hat, was ich besser gemacht haben
könnte, womit ich ihr möglicherweise imponiert habe. Kommt sie nicht, was wahrscheinlicher
ist, überlege ich, warum sie sitzengelassen hat, was ich falsch gemacht habe,
als ich sie eingeladen habe, und was ich gesagt hätte, wäre sie gekommen, was
sie getragen hätte. Und ihre Augen, ihre leuchtenden, strahlenden Augen, ihre
Haare, ihre gesamte Erscheinung. Aber ihre Augen...
Die Wolken drohen mir noch immer mit beamtengrauer Sturheit, und ich frage mich,
ob es richtig ist, hier schutzlos im Freien zu sitzen und den Regenguß zu erwarten.
Ich weiß auch nicht, weshalb ich der Bitte meines Vaters nachgekommen bin, mich
hier hinzusetzen und bei einer Veranstaltung seines Vereins zu helfen, aber
schließlich war ich dann eben so nett und ihm diese Gefälligkeit erweisen, und
nun sitze ich im Grün und mache mir über den Mittwoch Abend Gedanken.
Seit ich sie damals traf, im Abenddämmern auf dem Deich, der Himmel blutrot
verhangen als großartige Kulisse vor der sie sich aufgebaut hatte, läßt sie
sich nicht mehr aus meinen Gedanken vertreiben. Wir saßen dort oben, redeten
und redeten, während es immer dunkler wurde, und hörten den Fluß gurgeln und
sahen ihn im fahlen Licht unter uns vorbeifließen, geheimnisvoll blinken als
würde er uns in einem unbekannten Code eine Nachricht senden wollen, oder auch
nur einen einzigen Satz auffordernd wiederholen: Das ist es, das ist es, das
ist es... doch es wurde es nicht. Der Zauber blieb, solange wir gemeinsam auf
dem Deich saßen, die uns umschließende Schwärze glomm langsam in eine trübe
Morgendämmerung auf. Doch als wir uns endlich verabschiedeten, sie nach Hause
ging und ich mich in meine Auto setzte und losfuhr, um in fahlem Licht und Morgennebel
ziellos durch die Geest zu fahren, blieb nur die Erinnerung und die Magie wurde
Imagination.
Höre ich nicht Stimmen den Weg hinaufschallen? Unverwechselbar Gelächter und
Rufe von Kindern, eifrig dabei, sämtliche Entdeckungen lautstark den Gefährten
mitzuteilen und dann in eine lebhafte, wenn auch wenig von Inhalten geprägte
Diskussion darüber einzufallen. Schon taucht auch der leuchtend gelbe Schutzhelm
eines vorausgepreschten Sieben- oder achtjährigen aus den Niederungen auf, und
gleich danach weitere Kinder, in Begleitung von drei leicht genervten Erwachsenen,
die die Gruppe von acht Kindern nach besten Kräften unter Kontrolle bringen
müssen. Als sie mich sehen, hält der Pulk an, umringt mich neugierig und fragt
nach den Aufgaben, die sie von mir bekommen sollen. Ich erfülle meinen Job pflichtschuldig,
und nach ein paar Minuten zieht der Troß weiter und läßt mich auf der Bank zwischen
Wald und Feld zurück.
Danach herrschte lange Zeit Funkstille, drei oder vier Monate lang, und die
Erinnerung an jene Nacht verkam und verschwamm zu einem Haufen von Empfindungen
und vagen Fakten vor rotem und pechschwarzen Hintergrund, begleitet vom Murmeln
des Flusses und geflüsterten Weisheiten, jetzt aus dem Kontext gerissen. Ein
Zufall führte uns wieder zusammen, im Gewirr von 2000 Menschen, die strömten,
sich verteilten, sich wieder zu einem Fluß vereinigten und erneut verflüchtigten
und schließlich auf Zuruf in eine Richtung blickten, aus der sie gerufen wurden.
Auf einem meiner Ausflüge aus der Masse, auf der Suche nach einer Schachtel
Zigaretten, beim Wandern durch die Parkanlage, entdeckte ich sie wieder. Auch
sie hatte wohl nicht damit gerechnet, und so standen wir erst einmal da, sahen
uns an und wußten lange nicht, was wir sagen sollten. Sie hatte den Kopf gesenkt
und schien etwas sehr interessantes auf dem Boden entdeckt zu haben, doch als
sie meinen Blick wieder festhielt, wäre ich beinahe in Ohnmacht gefallen, als
ich wieder in ihre Augen sah, das Funkeln im Hintergrund, daß zu einer Flamme
werden wollte... Dann saßen wir wieder auf dem Rasen, ließen die Veranstaltung
lautlos an uns vorbeiziehen, schwelgten in Erinnerungen, redeten, begingen symbolische
Akte, die in Realität einzugehen ich sofort und ohne nachzudenken bereit gewesen
wäre, und redeten weiter, und gingen, als alles zu Ende war, wieder auseinander,
ohne daß wir gewußt hätten, wie es weitergehen sollte oder auch nur könnte.
Doch ich hatte wieder den Zauber gespürt.
Der nächste Trupp von Radfahrern kündigt sich ebenso lautstark an wie der erste,
und die austauschbaren Kinder umringen mich wieder und bohren ihre Fragen in
mich, und ich kontere so gut ich eben kann mit dem, was ich ihnen erzählen muß,
um sie für die Dauer ihres Aufenthalts zu beschäftigen, bis sie in der Gewißheit,
die richtige Antwort gefunden zu haben, ihren weg zum nächsten Posten fortsetzen,
ohne daß ich ihnen noch weitere Beachtung schenken würde.
Zuletzt traf ich sie auf dem Campus, sie war gerade auf dem Weg in die Mensa,
hatte es eilig, und ich mußte mich sputen, um noch rechtzeitig zu meiner Arbeitsstelle
zu kommen. Wir hatten gerade noch Zeit, um uns zu begrüßen, und sie versprach,
daß sie sich bei mir melden würde. Ich hatte wenig Hoffnung auf ein Einlösen
ihres Versprechens, und es dauerte auch mehrere Wochen, bis das Telefon bei
mir klingelte, sie sich am anderen Ende meldete und mich fragte, ob wir uns
nicht einmal wieder treffen wollten. Fraglos wollte ich, wollte ich doch gerne
die Frequenz unserer Treffen erhöhen, die Erinnerung an verflogene Momente auffrischen,
und so verabredeten wir uns für den kommenden Mittwoch, mal sehen, was man so
unternehmen kann. Essen gehen, zum Beispiel. Wirklich. Oder was man sonst so
anstellt, wenn man sich mit jemanden trifft, den man lange nicht mehr gesehen
hat, und dem man nicht sagen kann, was man wirklich will, weil man es selber
nicht weiß.
Mittlerweile nerven die Kinder. Die gleichen Fragen, die gleichen Antworten
von mir, der gleiche Schwachsinn, den sie daraufhin erzählen; die gleiche geheuchelte
Freundlichkeit; der gleiche Lärm, den sie mit sich bringen und die gleiche Stille
um mich herum, als sie sich wieder verzogen haben. Noch eine Gruppe, wenn ich
mich richtig erinnere, dann kann ich gehen. Ich weiß nur nicht, was mir unangenehmer
ist: Das Warten auf die nächste Truppe Kinder, oder das Warten auf Mittwoch,
und dann das Verharren, bis sie kommt - wenn sie kommt, falls sie überhaupt
kommt.
III
Es gibt Tage, da sollte man seinen Anrufbeantworter nicht abhören, besonders nicht, wenn man ein Endlosband hat.
Doch leider beging ich diesen Fehler eines schönen Mittags, ich war gerade aufgewacht,
und wurde so eines Monologes gewahr, der, wie deutlich zu hören war, leicht
angetrunken aus einer gut besuchten Kneipe gehalten wurde.
Ja, Scheiße, bist nicht da. Macht nichts. Also: „If you’ll excuse me, I’ll go
home an’ have a heart-attack", hätte ich fast zu ihr gesagt, als wir uns verabschiedeten,
doch da sie den Film nicht gesehen hat, hätte sie die Anspielung auch nicht
verstanden. (Kurze Pause, etwas schwächer „Thanks, cheers", und das Klimpern
von Kleingeld.) Fuck, no more changes around here. Was zur Hölle hätte ich denn
erwartet, was hätte passieren sollen? Neun Stunden und Beobachten und Bewundern,
und ständig sie anstarren müssen. Sie? Ihre rot-weißen Augenbrauen, ihre leuchtend
roten Haare, ihre strahlend blauen Augen. Her Angel Eyes. Angel Eyes. Bohren
sich durch jede einzelne Zelle meines Körpers, vor allem meines Gehirns. (Deutlich
hörbares Schlucken eines Getränks) Ob sie weiß, was sie mir damit antut? I bet
she does. Klar weiß sie das. Sonst hätte sie sich heute nicht mit mir getroffen
und neun verfluchte Stunden mit mir verbracht. Mit ihr essen, mit geschlossenem
Mund kauen, über ihre dämlichen Witzchen lachen, und Momente unbehaglichen Schweigens
mit ihr teilen... so war es natürlich nicht. Nichts ist so wie im Film, nicht
einmal in diesem. Also ihre Anwesenheit genießen. Genießen! Sich erfreuen, und
dennoch krank werden vor Sehnsucht. Was soll das? Ihr die Karten legen und daraus
folgern, ihr zu raten, daß sie so bleiben soll, wie sie ist, sich von nichts
trennen... Es ist ziemlich merkwürdig im Kino zu sitzen und einem Film zu sehen,
in dem alle fünf Minuten gevögelt oder rumgeknutscht wird oder was auch immer,
und neben dir sitzt die faszinierendste Frau, die du je getroffen hast, aber
du kannst sie nicht anfassen oder sonstwas, weil sie seit fünf Jahren oder so
einen Freund hat. Und treu ist. Und wahrscheinlich auch noch als Jungfrau in
die Ehe gehen will. (Kurzes Lachen.) Hat sie nicht wundervolle Brüste? Vielleicht
sind ihre Beine etwas zu dick. Aber egal. It really doesn’t matter, you know,
it's the little things that count, it’s her character that counts, and I’d fuck
her anyway, rightaway. Castaway, I know. The only solution: disillusion. (Wieder
eine kurze Pause. „Another one?", fragt eine Stimme, „Yes, please", die Antwort.)
So einfach wie die Quadratur des Kreises, oder Blut aus einem Stein zu quetschen.
Was auch immer. (Mit der im Hintergrund laufenden Musik singend:) Gonna do it
again, gonna do it again. Yeah, klar. Was bleibt mir übrig. Und ich möchte standrechtlich
erschossen werden, wenn ich weiß warum. Da fällt mir der Typ ein, der sich für
vogelfrei erklären lassen will, wenn man ihn in einem VW Jetta oder Santana
sehen sollte. So ein Blödsinn, wie kam ich denn jetzt drauf? Na ja, auf jeden
Fall (im Hintergrund: „Your Guinness", von der Sprechmuschel abgewandt, „Thanks,
cheers", und gleich darauf deutliche Schluckgeräusche), was wollte ich sagen,
ach ja, auf jeden Fall würde ich quasi, wie soll ich sagen, fuck her mind, and
she’s fucking up mine. Die ganze Zeit. (Schlucken.) Irgendwo haben wir eine
unbewußte Verbindung. Zwar eine ziemlich merkwürdige, ziemlich dämliche eigentlich.
Aber gegen alles was noch von meinem bißchen Verstand übrig ist, komme ich damit
gut klar, sagen wir mal, ich filtere mir das beste davon heraus. Das nämlich,
was mir den Blick vor den Tatsachen versperrt. Als ob ich's nicht besser wüßte.
(Kurzes Gelächter, Schluckgeräusche, dann Aufstoßen.) But that doesn’t matter.
(Erneute Schluckgeräusche, dann wahrscheinlich in Richtung Theke: „Would you
pour me another one, please? Cool.") Realität ist Definition. Wie immer. Also
weicht meine Realität von ihrer ab, und das ist das Problem daran, wie immer.
Wenn ihre Definition meine wäre, wär’ ich wohl nicht so blind, mich vor mir
selbst zum Narren zu machen, und das auch noch zu wissen. Mehr noch, es zu genießen.
Bloody fool. Andererseits, wenn meine auch ihre wäre, würde ich wohl nicht hier
sitzen, sondern sie wäre bei mir und wir würden die ganze Nacht vögeln, oder
so was in der Richtung. Nebenbei, es geht wirklich nicht um Sex, nicht in der
Hauptsache. Das ist nur so eine Art Beweis, wofür auch immer. (Schnauben)
Und wie sollte dieser Tag denn anders enden, als so, in einer Kneipe zu sitzen,
etwas schmierig, aber nett, mich zu betrinken, bis ich weder sprechen noch schreiben
kann, nach Hause gehen, noch mehr trinken, wenn es geht kotzen, noch mehr trinken,
und irgendwann einfach einschlafen. Als ob das auch nur etwas ändern würde,
geschweige denn besser machen. Nur etwas milchiger, distanzierter, mit der Illusion,
gar nicht wirklich dabei zu sein, sondern sich von drüben zuzusehen. Zumindest
für den Augenblick besser also. Anyway. („Another Guinness, there you go", dringt
die Stimme des Barkeepers ans Ohr, „Cheers mate", die Antwort.) Bin ja auf dem
besten Wege dahin. Und morgen wache ich dann auf und weiß kaum noch was davon.
(Wieder das Glucksen des Bieres in der Kehle.) Vielleicht ist das Vergessen
auch die einzige Möglichkeit, zumindest die beste. Hält den Kopf frei, besser
gesagt, macht den Kopf frei. Aber ich weiß, ich würde sie sowieso nicht vergessen
können. Ich vergesse eh kaum was von unseren Treffen, egal wann. Wie könnte
ich auch. Das erste Mal, daß wir uns verabredet haben. Nine fucking hours. (Pause,
Schlucken, deutliches Ausatmen direkt in die Sprechmuschel.) Red rain... roter
Regen fällt auf mich herab, wenn ich daran denke... an sie denke... das rote
Leuchten ihrer Haare und die markerschütternde Merkwürdigkeit ihrer Augenbrauen.
Rotes Schimmern umgibt mich, wenn sie nur am Horizont auftaucht; das Schimmern,
was sich immer aus den Niederungen erhebt, aufsteigt, wenn wieder einmal ein
Morgen oder Abend am nebelumwaberten Deich der Elbe ansteht, ob real oder nur
in der Phantasie ist eigentlich egal. Doch es bleibt, alles um mich herum wabert
einzigartig-rötlich, einmal intensiver, wie eine Projektionsleinwand vor meinen
Augen abgestellt und zu meinem Glück nicht zeitig abgeholt; dann wieder, wie
durch einen schlechten Weichzeichner verschwommenes Rosa, kaum bewußt wahrnehmbar,
immer in Reichweite der Empfindung. Doch wenn das rote Leuchten, Schimmern oder
wie auch immer vorbeigezogen ist, bleibt eine Leere übrig, und bald darauf ist
nahezu jede Erinnerung verschwommen und schließlich verschwunden. Darauf folgt
wohl die Phase, in der man versucht, alles Erlebte aufzuarbeiten, in Rückschau
zu schwelgen, nicht geschehenes zu rekonstruieren, mögliche zukünftige Geschehnisse
sich im Geiste auszumalen. Die Gesten, Worte, Aussagen werden analysiert, kategorisiert,
und schließlich als völlig deplaziert in die Ecke gestellt oder die Mülltonne
geschmissen; zumindest die eigenen. Man fragt sich dann, man muß sich dann im
nachhinein fragen, was man gesagt hätte, wenn man vorher darüber nachgedacht
hätte, aber welchen Wert hat es, druckreif zu sprechen, wenn man das Elaborat
am nächsten Tag getrost vernichten kann, weil der Inhalt so haltbar ist wie
Helium, oder besser noch, Wasserstoff.
(Lange Pause. Die Kehle muß wieder angefeuchtet werden.) Das hätte ich jetzt
eigentlich aufschreiben müssen. Na egal. „Danke für den schönen Tag", sagte
ich zu ihr als sie losfuhr. ich hätte sagen sollen „If you’ll excuse me, I’ll
go home and have a heart-attack" wäre passender gewesen. Na ja, ganz so wild
ist es doch nicht. Aber sie sagte nur „Gern geschehen", sagte sie. (Kurzes Lachen.
Aus dem Hintergrund hört man „While my guitar gently weeps".) Was soll’s. Ich
werde wohl weiter blind bleiben. (Pause, Schlucken.) Aber habe ich noch Hoffnung?
Kann ich mir noch anmaßen, Hoffnung zu haben? Konnte ich denn wirklich jemals
Hoffnung haben, vom ersten Moment an, als wir uns das erste Mal sahen? Auch
wenn ich es dachte, und der Fluß uns murmelnd versprechen wollte: Das ist es...?
Nein, ich glaube nicht. Es konnte es nicht sein. Frag nicht, warum. Stell überhaupt
keine Fragen. Zu viele Fragen, zu wenig Antworten. Wie immer. Kein geheimnisvolles,
weit entferntes Glühen in ihren Augen, das mir Botschaften aus anderen Sphären
vermitteln wollte. Keine innere Stimme, die unvermittelt zu mir sprach: Vergiß
es, vergiß sie, oder: Sie kann es nicht sein. Nein, nichts. Nur der Glaube an
die Illusion, es gäbe zwei Realitäten, die sich gleichen würden. Der Mensch
ist so naiv, scheiße, wie pathetisch, besonders ich, und baut sein Leben auf
diese Illusion. What a laugh. Was bleibt ist zuviel Bier und wirre Träume. Tag
und Nacht, wo ist da schon der Unterschied. (Die Musik ist zu den Stones gewechselt.)
She’s playing with me. But I’m no fire, I’m just cold ashes. I’ll just be chasing
shadows, ghosts in the hall, footprints in the sand, fingerprint files, castaways.
Forever and ever. Thoughts of a dry brain in a dry season. (Kurzes Lachen. Das
plötzliche Piepen in der Leitung signalisiert, daß die Verbindung gleich unterbrochen
wird.) Fuck, kein Geld mehr. (Er legt auf.)
© 2007 Hauke Preuß
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